42 – Mehr als nur eine Zahl

| 9. Januar 2017 | 0 Kommentare Alles lesen

ress-42 Nummer 18 habe ich bereits verkostet und war schwer begeistert. Ebenso war Nummer 32 nur ein kurzes Leben beschieden weil ich völlig hin und hergerissen war und diesen Tropfen rücksichtslos vernichtet habe. Für Nummer 42 habe ich mir vorgenommen diese über sieben Tage zu verkosten, was letztlich nicht gelungen ist weil sie am fünften bereits leergesoffen war. So geht´s mir immer wenn ich Weine von Dirk Würtz, seines Zeichens Weinmacher und Betriebsleiter bei Balthasar Ress in Hattenheim im Rheingau. Der Mann hat, ohne meinen Geschmack zu kennen, diesen blind getroffen. Nicht annähernd, sondern vollkommen. Mitten ins Schwarze. Mehr in die Mitte geht nicht. Jedenfalls habe ich in der Zwischenzeit so einiges aus dem Portfolio verkostet und jeder einzelne Wein hat mich auf seine ganz eigene Art und Weise fasziniert. Was aber diese drei “Nummernweine”, die eigentlich ein Experiment waren, ablassen, das ist mehr als grosses Kino. Was es mit den Zahlen auf sich hat? Sie stehen für die Reifezeit auf der Hefe. Nummer 42 hat somit ein Hefelager von 42 Monaten hinter sich. Eine Stunde sollte der Tropfen vorab in der Karaffe Sauerstoff aufnehmen und dann aus dem Burgunderkelch getrunken werden. Unterstehen Sie sich und trinken diesen Zaubertrank aus einen kleinen Glas. Der Wein braucht Luft und Oberfläche, dann zeigt er was er wirklich drauf hat und läuft zur absoluten Höchstform auf. Er geht kalt und auch warm (bis 16º), verändert sich ständig, kehrt wieder zu sich selbst zurück um danach wieder sein Gesicht zu wechseln. Hier nun das Protokoll der eindrucksvollen Verkostungsreise.

1. Tag:

Schrauber runter, rein ins Glas, bzw. in den Kelch. Null Luft und trotzdem alles andere als unsympathisch. Sponti ja, kühle Hefe, zarte Birne, frischer Apfel. Knackig frisch im Mund, auf der Zunge leicht, fast schwebend. Klar, rein und rassig in gewisser Weise. Feine Nuss am Gaumen, kaltes Brot (Toast) und eine überraschend klare wie auch kühle Textur. Noch kein Grip (der kommt erst), dafür lebhaft dank ausgeprägter Säureader. Start bei 10º und jetzt bereits die Gewissheit, dass sich dieser Wein mit jeder halben Stunde und jedem Grad in einen anderen verwandelt. Die Reise hat begonnen.

Eine Stunde später ist er da, der Grip. Nimmt sich des Gaumens an und sorgt für Haftung in der Futterluke. Bläst einem weissen Kalk aufs Gaumenzäpchen und zeigt was trocken heisst. Fühlt sich entschlackt an, lässt Apfel und Birne bestenfalls erahnen und schert sich einen Dreck um das was man von Wein erwartet. 42 ist ein Statement. Das ganz laut „Club Sandwich“ schreit. Ohne Schnickschnack, dafür mit umso feiner getoasteter Hülle. Knackig, resch und doch ein Hauch von britischer Eleganz. Bond im Barbour-Mantel. Wer´s nicht versteht probiert es morgen nochmal. Da ist dann garantiert was völlig anderes im Glas und singt ein neues Lied.

3. Tag:

Na bumm. Das Teil hat nichts mehr mit dem zu tun was am ersten Tag im Glas war. Wirkt jetzt total abgespeckt und auf sich selbst reduziert. Null Frucht die sich bemerkbar macht, nix da mit Apfel oder Birne, dafür schlichte knackige Rasse die sich anschickt Grüsse aus dem Burgund entgegen zu nehmen. Das erinnert irgendwie an holzbefreiten salzigen Meursault oder an knackigen Chablis. Irgendwo dazwischen schlägt er auf, der 42. Was ihn unterscheidet ist sein feiner Rauch im Nachhall, sein Abgang der von dezenter Hefe untermalt wird. Der Wein hat jeden Speck abgeschüttelt und fühlt sich richtig schlank im Mund an. Verdammt nochmal, was ist das für ein rücksichtsloser Individualist! Schert sich null um Konventionen und ist ganz einfach was er ist; ein Zaubertrank.

5. Tag:

Es ist der letzte Tag. Die geplanten sieben habe ich nicht geschafft. Die Gier, you know? So einen Tropfen kann man eben nicht in kleinen Schlucken verkosten, man muss immer grosse davon nehmen und somit ist eine Standardflasche eben schneller leer als es geplant war. Sei´s drum. Unglaublich jedenfalls die neuerliche Wandlung. Plötzlich cremig auf der Zunge, allerfeinstes Brioche am Gaumen, Brotteig und jede Menge Kalk sowie eine deutlich saftige Apfelnote im Hintergrund. Ein richtiger Charmeur ist aus dem 42er geworden, ein weicher, sanfter Riese, der, trotz seines runden Körpers auch subtile Rasse dank eines belebend frischen wie überraschend agilen Säurespiels zeigt. Es fühlt sich intensiv an was man da im Mund hat, körperreich und doch grazil. Ich bin mir sicher, dass sich der gute Tropfen die nächsten Tage weiterhin verändert hätte, aber auch, dass ich es im zweiten Anlauf schaffen würde sieben Tage durchzuhalten während die Flasche permanent mein Sichtfeld kreuzt.

Fazit

Zusammengefasst ist es schwer für mich objektiv zu bleiben. Weil ich persönlich diesem Teil (und auch den beiden anderen, dem 18 und dem 32) längst verfallen bin. Es ist (für mich) jene Art von Wein, die mich auf der Stelle innehalten lässt, die mich zwingt mich intensiv damit zu beschäftigen, ihn zu ergründen, immer wieder zu kosten und ihn letztlich gnadenlos zu vernichten. Das kann man nämlich auch damit machen. Ihn einfach verputzen. Weil er brutal süffig und leicht im Alkohol ist, und weil er einen Zug hat, dem man sich nicht entziehen kann, so man sich einmal mit ihm angefreundet hat.

Der Wein ist nichts für Anfänger, aber wahrscheinlich genau deswegen auch schon wieder, weil diese in ihrer Wahrnehmung noch nicht konditioniert sind. Es könnte klappen wenn man offen ist für die Geschmäcker die so unterschiedlich sind. Der Abenteurer und der Freigeist hingegen werden in die Vollen gehen und diesen Wein bis zum letzten Tropfen erforschen, vielleicht sogar verstehen wollen. Was letztlich aber unerheblich ist, weil dieser Wein für sich ein einziges Statement ist. Für Mut und Risiko, für Individualität und Herzblut, für Andersartigkeit und absolute Singularität. Damit ist alles gesagt. Ich träum´ jetzt eine Runde und stell´ mir vor mein Keller wäre voll mit 18, 32 und auch 42.

Zu beziehen gibt es den 42 sowie auch 18 und 32 bei Vipino oder Wein am Limit.

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Kategorie: Verkostet

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