Gemischter Satz 2011

| 25. September 2013 | 0 Kommentare Alles lesen

Den Auftakt unserer Verkostung zum Thema Total regional macht ein Wein aus dem Burgenland in Österreich. Es ist ein Wein der früher überall zu finden war, dann von der Bildfläche verschwand und erst in den letzten Jahren wieder verstärkt ‘kultiviert’ und auch medial entsprechend forciert wird, der Gemischte Satz. Ein Wein der aus zahlreichen unterschiedlichen Rebsorten besteht die alle in einem einzigen Weingarten angebaut und in Folge gleichzeitig gelesen und gekeltert werden. Dabei werden unterschiedliche Rebsorten die unterschiedliche Reifestadien haben auch in diesen teils unreifen, teils vollreifen Zuständen zu einem Wein verarbeitet der einzigartig ist. Der Gemischte Satz 2011 den wir verkosten ist von Hannes Schuster vom Weingut Rosi Schuster in St. Margarethen im Burgenland. Hannes Schuster selbst ist schon längst kein Geheimtipp mehr, zählt mit seinen Blaufränkisch zur Avantgarde Österreichs und hat sich total der ‘langsamen und unmanipulierten’ Weinbereitung verschrieben. Wir machen die burgenländische ‘Mischung’ auf und sind gespannt auf das was wir erleben werden.

Gemischter Satz 2011 Mit einem relativ unspektakulären, dafür umso stilvolleren, richtig elegant wirkenden Etikett ist die braune Burgunderflasche beklebt. Auf dem hellen, sandfarbigen Etikett ist oben ein Schild mit einem Löwen drin und einem oben drauf abgebildet. Unterhalb steht in grossen Lettern GEMISCHTER SATZ in klassischem Schriftbild. Unten drunter in senfgelb der Jahrgang und im Anschluss alles was unbedingt angeführt sein muss. Am unteren Rand steht ROSI SCHUSTER ebenfalls in gelb und in Kapitalen und Burgenland als Herkunft macht den Abschluss. Mit dem in senfgelb eingefassten Flaschenhals ergibt alles ein stimmiges Ganzes und macht einen soliden eleganten Eindruck.

Auf ein Rückenetikett wird verzichtet und so sollte man zumindest die grundlegenden Dinge über einen Gemischten Satz kennen. Um der burgenländischen Mischkulanz ein perfektes Ambiente zu bieten, wird sie in die schlanke Karaffe umgefüllt und darf sich dort 30 Minuten an die Wiener Raumluft anpassen.

Pikantgemüsegrün

Im Glas steht der Gemischte Satz in kräftigem strohgelb und funkelt mit dezenten grünen Reflexen vor sich hin. Was in die Nase strömt ist im ersten Moment verwirrend, ein wenig ‘stinkig’, überreif, unreif, überhaupt reif? Eine Sorte explizit heraus zu riechen ist unmöglich, es riecht in des Wortes Sinn ‘gemischt’ und man hat Mühe diesen Geruch irgendeiner Lade in der Duftbibliothek zuzuordnen. Mit zunehmender Luft wird es grüner, vegetal, kräutrig und grasig. Ich versuche Referenzaromen zu finden und scheitere kläglich. Nichts was bekannt ist, nichts wo man alles einreihen oder womit man es vergleichen könnte. Ist das Duft, ist das Gestank, ist das nur ein anderer, ungewohnter wie ungewöhnlicher Geruch? Man muss eine Entscheidung treffen, eine ganz einsame, persönliche. Entweder man kommt damit klar oder man lehnt es kategorisch ab, dazwischen ist kein Millimeter Platz für Zauderer. Nach 30 Minuten in der Karaffe und weiteren 10 ‘geschwenkten’ im Glas macht er etwas auf, beendet die Stinkerei weitgehend und lässt einen so etwas wie Blütenaromen und frisches Heu riechen. Noch immer aber ist das ein Duft der gewöhnungsbedürftig und nur für Abenteurer ist. Würden Farben riechen, dann könnte man den Duft zu diesem Zeitpunkt Pikantgemüsegrün nennen.

Salz & Kalk

Nach den ersten 30 Minuten wird entschieden dem Tropfen noch einmal 30 zu gönnen und nach einer Stunde wird dann angetrunken. Man kann jetzt seine Nase gefahrlos ins Glas stecken und man ist genauso schlau wie zu Beginn. Im Mund setzt sich dann fort was in der Nase begonnen hat. Weich zieht der Gemischte Satz über die Lippen, im wahrsten Sinn des Wortes salzig legt er sich auf die Zunge und lässt einen eine ganz eigene Würzigkeit schmecken. Es ist definitiv nicht einzuordnen was man schmeckt und spürt. Glaubt man in einer Sekunde ob der grüngrasigen pikanten Note so etwas wie Sauvignon Blanc zu schmecken, so drängt sich sofort etwas herberes, viel mineralischeres dazwischen und lässt einen alles wieder verwerfen. Man kann beim besten Willen nicht sagen was man schmeckt. Ausser dass es ungewöhnlich ist und am ehesten noch an den Boden dem der Wein enstammt erinnert, nämlich an Kalk. Ich bin sicher, dass der Gemischte Satz im Laufe des Tages immer kalkiger wird. Mir persönlich gefällt das, jemand anderer lehnt es sicher ab. So wie sich der Tropfen im Moment anfühlt ist das garantiert erst der Anfang von einem grossen Weinabenteuer.

Vinophile Antithese

Wie erwartet drängt sich mit zunehmender Luftaufnahme immer mehr der Boden in den Vordergrund des Gemischten Satzes. Auf der Zunge spürt man immer mehr die ausgeprägte mineralische Ader, die Säure fügt sich immer harmonischer in das Gesamtbild ein, die pikante Würze verliert das vordergründig Grüne und wird komplexer. Alles wird facettenreicher, ohne dass man deshalb auch nur den Funken einer Chance hat zu ‘erraten’ was in diesem Wein wohl alles drin ist. Genau das macht ihn jedoch so spannend, so tiefgründig, fast möchte man sagen ‘geheimnisvoll’. Am Gaumen fühlt es sich herb an und man kann den Kalk förmlich spüren wie er über ihn hinweg zieht. Knochentrocken fühlt es sich an, feinst würzig und eingehüllt in einer weissgrauen Wolke. Nach drei Stunden an der Luft wird der Tropfen immer interessanter, fast schon mystisch. Man hat sich damit abgefunden nicht zu wissen WAS man trinkt und einfach zu akzeptieren, DASS man trinkt. Etwas Eindrucksvolles. Man muss nicht immer alles wissen und diese Erkenntnis lässt einen entspannter werden und sich ausschliesslich auf dieses mineralische Gefühl, das den ganzen Mundraum ausfüllt, konzentrieren. Das ist es nämlich was am Ende vom Gemischten Satz übrig bleibt; eine pikante Würze, durch die der Hund von Baskerville wie im Nebel in einer kalkgeschwängerten Wolke durch den Mundraum hetzt und den Kalk vom Boden aufleckt.

Der Gemischte Satz von Hannes Schuster ist einer jener Weine, die man nicht einfach so mal aufmacht und nebenher trinkt. Das ist ein Wein der einen fordert, der will, dass man ihm zuhört und sich mit ihm auch auseinander setzt. Nicht philosophisch, nicht staatstragend oder intellektuell abgehoben. Er will nur wahrgenommen werden als das was er ist; als komplexe, vielschichtige und aussergewöhnliche Persönlichkeit die Aufmerksamkeit verdient und diese auch einfordert. Er ist ein Wein der den ‘Spieltrieb’ eines echten Geniessers weckt, das Entdeckergen aktiviert und einen neugierig auf das Unbekannte werden lässt. Der Gemischte Satz von Hannes Schuster ist so etwas wie die Antithese vom Wein den man gewohnt ist, den man kennt und den man auch erwartet. Er ist das genaue Gegenteil und losgelöst von jeglicher Konformität und ebensolchem domestizierten Weingeschmack. Das ist ein Wein für Kenner, für Könner, für Entdecker und für vinophile Freigeister. Lächerliche 12 Euro kostet dieser Abenteuertrip und wer noch nicht vollkommen von Primärfruchtaromen abhängig ist, der sollte diese Reise schleunigst buchen. Die vinophile Horizonterweiterung gibt es gratis dazu.

Tipp: Unbedingt eine Stunde in die Karaffe, zwei sind noch besser. Bei 10-14º, je nach Stimmung, zu geniessen. Macht küchentechnisch so ziemlich alles mit und ist als Solist ein aussergewöhnliches und extrem beeindruckendes Weinerlebnis.

Wein & und Winzer-Info:

Gemischter Satz
Wein: Gemischter Satz 2011
Winzer: Rosi Schuster
Trinkbar ab: sofort
Optimale Reife: -2015+
Anbau: Biologisch
Ausbau: Holzfass > 300 l
Besonderes: Spontan vergoren (Wilde Hefe)
Dekantieren: Ja

Der Wein wurde uns von der K&U Weinhalle aus Nürnberg zur Verfügung gestellt.

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Kategorie: K&U Weinhalle (D), Verkostet

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