Gestad 2011

| 23. November 2014 | 0 Kommentare Alles lesen

Viel zu selten wird hier Syrah verkostet. Vielleicht auch deshalb, weil es nur wirklich wenig gute gibt und diese schwer zu finden sind. Heute steht wieder einmal so eine ‘Zicke’ am Tisch der Wahrheit und sie kommt nicht wie man es erwarten würde aus Frankreich, sondern aus Deutschland, von Hanspeter Ziereisen aus dem Markgräflerland. Gestad 2011, so der Name, stammt vom Efringer Ölberg über dem Baseler Becken und wächst dort auf Kalkböden heran. 8 Wochen wurden die Trauben für diesen Wein auf der Maische vergoren und danach für 16 Monate zu 25% in neuen und 75% in gebrauchten 225 Liter Assmann-Fässern der Reifung überlassen. Heute wird sie aus ihrem gläsernen Gebinde entlassen und ich bin gespannt wie sich Syrah aus Deutschland im Mund macht.

Gestad Vanillegelb wie all die anderen Etiketten ist auch dieses, das die dunkelbraune Burgunderflasche ziert. Im grossen oberen Stück ist wieder das in Sepia gehaltene Bild mit den im Weinberg arbeitenden Frauen angebracht und unterhalb steht wie gewohnt schlicht und einfach ZIEREISEN in roten Grossbuchstaben. Unterhalb des grossen Etiketts klebt wieder ein zweiter kleiner Streifen, auf dem nichts anderes als der Jahrgang und der Name des Weines, in diesem Fall Gestad, steht. Was zuerst unlogisch erscheint, macht dann aber doch Sinn wenn man davon ausgeht, dass Hanspeter Ziereisen das Hauptdesign nicht verändern will und nur den schmalen Streifen jeweils neu für einen speziellen Wein druckt. Am Rückenetikett wird wieder ausführlich über An- und Ausbau informiert, sowie mit ein paar sensorischen Notizen aufgewartet. Die silberne Halsmanschette ist wieder von einem schmalen Streifen mit der Signatur von Hanspeter Ziereisen überklebt. Bevor der Gestad ins Glas kommt, darf er sich für eine Stunde in der Karaffe akklimatisieren.

Nelken, Pfeffer & Cassis

In relativ hellem kirschrot zeigt sich der Gestad im Glas. Pfeffer strömt die Nase hoch, etwas Graphit ist dabei, dunkle Würze steht im Glas und frische Cassisnoten ziehen ihre Kreise. Ein sehr komplexer, vielschichtiger Duft beschäftigt das Riechorgan ohne ihm eine Pause zu gönnen. Eine angeknackste Nelke taumelt durch die Szene, begleitet von ein paar schwarzen Kirschen und einer dunkelschwarzen Olive. Mit etwas Phantasie riecht man auch ein frisches, blutiges Steak, das nur darauf wartet endlich auf den Grill zu kommen. Ein Duft der fordert und der neugierig auf das was wohl im Mund passieren wird macht. Nelken, Pfeffer und Cassis – schwarzrotes Doping für die Nase.

Rassig, elegant, exzentrisch

Und plötzlich rauscht ein frischer Säurebach kerzengerade durch die Mundhöhle. Das ist kühl, das ist frisch, das ist belebend was da auf einmal auf der Zunge abgeht. Da steht ein Wein im Mund der rassig ist, der hochpulsig die Zunge mit seiner Säure massiert, der schlank im Mundgefühl ist und der richtig Zirkus macht. Fast schon exzentrisch ausgelassen tanzt der Gestad auf der Zunge auf und ab, seidig kühl und fein schmiegt er sich am Gaumen an und protzt mit einer Eleganz die nervös und animalisch ist. Man schmeckt Cassis und Kirsche und kaum hat man sie erkannt, gesellt sich eine frische Würze dazu und macht den beiden richtig Pfeffer unterm Beerenstrauch. Ein mehr als erfrischendes Mundgefühl sorgt für allergrössten Trinkspass.

Schlank und rank und pfefferwürzig

Immer mehr treten Cassisnoten in Verbindung mit schwarzen Oliven und feinen Graphittönen in den Vordergrund. Es fühlt sich einerseits zwar fruchtig an im Mund, doch wird alles von einer pfeffrigen Würze sehr schön in Zaum gehalten. Alles eingebettet in einer Säure, die dem Wein jene Charakteristik verleiht, die am besten mit hohem Blutdruck zu vergleichen ist. Es pulst, es vibriert und arbeitet im Mund, es lebt und will dieses Leben raus schreien. Leicht unterkühlt, herb-feminin und grazil wie eine Gazelle fühlt sich der Gestad im Mund an. Leicht in der Struktur, aber keinesfalls banal oder dünn. Vielmehr mit feiner Nadel gestrickt und auf höchsten ‘Komfort’ getrimmt. Ein schlanker Wein, dessen Durchflussgeschwindigkeit beängstigend ist.

Mit zunehmender Luft legt der Gestad mächtig zu, fast scheint es als würden die seidig feinen Gerbstoffe sich in ultrafeinen Flugsand verwandeln. Es beginnt leicht zu rieseln im Mund, am Gaumen fühlt sich der Wein jetzt noch mehr wie hochwertiger Kaschmir an und im Abgang spürt und schmeckt man eine betörend fruchtige Pfefferwürze. Es schmeckt rot und endet in einem fruchtigen, säuredominierten Finale. Der Gestad ist ein leichter Wein, wenn man ihn nur nach seiner Haptik beurteilt. Dabei ist er aber komplex, vielschichtig und alles andere als einfach. Er schafft es nur gekonnt sich als eleganter Verführer zu präsentieren, der mit seiner erfrischend unkomplizierten Art für ein ebensolches Trinkvergnügen sorgt. Insgesamt nichts anderes als der eindrucksvolle Beweis, dass man durchaus mehr und öfter Syrah trinken sollte. Noch dazu wenn solche Perlen wie diese hier aus Deutschland kommen.

Tipp: Eine Stunde in der Karaffe ist ideal. Legt im Glas weiter zu. Um die 18º trinken, im Sommer gern auch kühler. Zu Wild und Wurst ein toller Partner. Sogar ein Bauernbrot mit Butter und Tomaten veredelt er gekonnt. Als Solist ein Wein der riesengrossen Spass macht und sich wie von alleine weg trinkt.

Verkostet wurde ein Syrah ‘Gestad’ 2011 vom Weingut Ziereisen in Efringen-Kirchen im Markgräflerland in Baden-Württemberg, Deutschland.

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Kategorie: Verkostet, Ziereisen (D)

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