Pinot vom Längsee 2010

| 18. Oktober 2013 | 0 Kommentare Alles lesen

Wein aus Kärnten? Kennt den wer? Braucht den jemand? Gibt es da ‘unten’ tatsächlich Wein? Fragen die ‘da oben’ im Norden, also hier, unweigerlich auftauchen ob der Herkunft jenes Weines, der heute hier am Tisch der Wahrheit steht. Von Marcus Gruzes Weingut Georgium aus St. Georgen am Längsee kommt die Cuvée aus Weissburgunder und Chardonnay. Marcus Gruze, ein Quereinsteiger, bezeichnet sein Weingut selbst als ‘Burgunderweingut’ und so gibt es gerade einmal drei Weine davon. Einen Pinot Noir, den ‘Nero’, einen weissen aus 2008, den ‘Quemado’ und eben jenen den wir hier stehen haben, den Pinot vom Längsee 2010. Seine Weine reifen 12 bis 48 Monate in grossen Eichenfässern und sind alle unbehandelt sowie unfiltriert. Naturwein pur kommt ‘da unten’, in Kärnten in die Flasche und wir werden den Inhalt jetzt einmal lei lafn losn.

Georgium Das Etikett das die Burgunderflasche ziert, gehört für mich persönlich zur Kategorie ‘ich kann damit nichts anfangen’. Es erinnert eher an die Beschilderung einer U-Bahn-Station als es mir Wein schmackhaft machen kann. Ein übergrosses ovales Teil klebt auf der Flasche, stellt mit einem dunklen Rand den Anfangsbuchstaben des Weingutnamens dar, der dann im schwarzen Balken in weiss vollendet wird. Was kreativ wirken soll tut es nicht, aber immerhin wird dieses Corporate Design konsequent über das kleine Sortiment hinweg durchgezogen. Letztlich entscheidet nicht das Etikett, sondern das was in der Flasche drin ist.

Auf einem ebenso ovalen, etwas kleinerem Rückenetikett in schwarz, erfährt man aus welchen Rebsorten der Wein gemacht ist und das war´s dann auch schon mit Information. Bevor wir den ‘Kärntner’ in die weite Welt entlassen darf er für eine Stunde in der Karaffe Stadtluft schnuppern, um gut vorbereitet seine Reise in den Norden anzutreten.

Dunkelgoldorange Bisquitroulade

Dunkelgoldorangig dümpelt der Wein ‘vom See’ vor sich hin. In der Karaffe etwas trüb, klarer und leuchtend im Glas. Schon beim Umfüllen sind einem die kraftvollen, intensiven Orangenaromen in die Nase gesprungen. Da steht dichter Saft im Glas, fühlt sich ebenso saftig an und riecht richtig süsslich. Es ist ein opulenter Duft, nicht pappig, sondern konzentriert. Erinnert ein wenig an die Bisquitrouladen von Oma, nur statt mit Marillenmarmelade eben mit dicken, fetten, gequetschten Orangen gefüllt. Hat schon fast was ‘spät- oder beerenauslesiges’ an sich und betört die Nasenflügel richtig.

Cremig, nussig, mineralisch

Und dann die Überraschung im Mund. Mit straffer Säure kommt der Pinot vom Längsee auf die Zunge. Er fühlt sich weich und mild an, schiebt aber eine Säurespur vor sich her, die richtig attraktiv ist. Gleichzeitig fühlt sich der Wein sehr leicht an, man spürt einerseits sein cremiges Mundgefühl was ihn auf den ersten Eindruck voll erscheinen lässt, merkt aber sofort, wie er sich federleicht über den Gaumen verflüchtigt und ein angenehm warmes Gefühl hinterlässt. Man schmeckt feine Nussaromen, nicht aufdringlich, nur sehr schön vorhanden und man nimmt so etwas wie Schotter wahr. Was in der Nase total fruchtig begonnen hat, zeigt sich im Mund nussig-mineralisch, nur von einem Hauch von Orangenschalen begleitet. Fühlt sich kraftvoll und gleichzeitig sehr fein verwoben an. Interessantes erstes Glas und eindeutig ein Wein, der über die nächsten Stunden zulegen und sich stark verändern wird.

Staubtrocken, mit einem letzten Tick Orange

Wie vermutet legt der Wein kräftig zu. Nach zwei Stunden an der Luft ist da nichts mehr intensiv orangig, der Duft geht ins kraftvoll Mineralische über, im Mund setzt sich diese eindrucksvoll fort. Die Säure hat sich in den ganzen Schotter eingegraben, die Nuss ist aromatischer, kräftiger und ausgeprägter geworden, etwas Stroh kommt hinzu, ein allerletzter Hauch Orange steht oben drüber. Auf der Zunge fühlt sich der Pinot vom Längsee jetzt noch steiniger an, sogar leicht herb. Alles ist in des Wortes Sinn staubtrocken, die Cremigkeit ist etwas ‘härter’ geworden ob der Mineralik, die gnadenlos das Kommando übernommen hat, dabei aber recht saftig geblieben ist. Eine Wandlung von 100% ist innerhalb einer Stunde eingetreten. Jetzt gibt es Boden pur im Mund zu spüren und zu schmecken. Toll. Der Wein bekommt eine weitere Stunde zugestanden.

Nach drei Stunden hat der Duft stark abgenommen, ohne aber deswegen weniger präsent zu sein. Es ist nur alles ruhiger, gesetzter, in sich ruhender geworden. Mineralik bis in die letzte Ritze. Auch im Mund jetzt ein Wein dem man hinterher hechelt weil man mehr von ihm will. Auf der Zunge saftig, weich und vom Boden dominiert. Dezente, richtig elegante Nussaromen, ein Schuss Kamille und Brioche und ein letzter Tick Orange. Mehr Chardonnay als Weissburgunder, oder doch umgekehrt? Man weiss es nicht, weil beide Sorten so wundervoll harmonieren. Am Gaumen ein Film von Steinstaub, im Abgang eine feine Würzigkeit und im Nachhall pure Mineralität. So schmeckt also Wein aus Kärnten. Für mich die Entdeckung schlechthin. Ich will mehr davon. 12 vol.%, staubtrocken, trotzdem saftig, weich, mild, wohltuend, animierend, lebendig, authentisch. Ein Burgunder aus dem Süden Österreichs. Probieren, staunen, mögen! Kostet 30 Euro, hält aber locker eine Woche. Nur, wer will das schon?

Tipp: Schwer. Eine Stunde um ihn zu ‘verfolgen’, zwei wenn man richtig einsteigen möchte und drei, wenn man den Wein in seiner Esssenz erleben will. Geht auch locker mehr, verhindert aber das Abenteuer. 12-14º Trinktemperatur sind ideal. Kälte verdirbt den Spass. Meditationswein feinster Güte.

Georgium 80x80 Verkostet wurde ein Pinot vom Längsee 2010 vom Weingut Georgium aus St. Georgen in Kärnten, Österreich. Marcus Gruze ist ein Quereinsteiger und setzt ausschliesslich auf Handarbeit, im Weingarten wie auch im Keller. Bezugsquelle: Bio Wein Online Ramsau/Steiermark, Österreich.

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