Quadrato Rosso 2011

| 3. August 2013 | 0 Kommentare Alles lesen

Kaum habe ich mich an die Brummer von Oliviero Toscani gewöhnt, schon ist die kleine aber umso feinere Verkostungsrunde wieder zu Ende. Den Abschluss macht ein Wein, der sich selbst ‘rotes Quadrat’ nennt. Was auf italienisch quadrato rosso heisst und sich so um vieles besser anhört. Dieser Wein, der quadratorosso 2011, steht heute am Tisch der Wahrheit und wenn er auch nur annähernd so ein ‘Gerät’ wie die beiden OTs ist, dann steht wieder ein ganz gewaltiges Weinerlebnis bevor. Das ‘rote Quadrat’ ist eine Cuvée aus Petit Verdot, Syrah und Cabernet Franc, wie übrigens auch die beiden OTs, nur dass hier noch ein kräftiger ‘Schuss’ Teroldego drin ist und es sich bei diesem Tropfen um den sogenannten ‘Zweitwein’ von Oliviero Toscani handelt. Die 14,5% die in dem Kerl schlummern machen ihn wahrscheinlich nicht gerade zum idealen ‘Sommerwein’, aber nach den ersten beiden Weinen, die auch nicht ‘schwächer’ waren, besteht auch hier die Möglichkeit sich zu täuschen.

quadratorosso Lang und dunkel, fast wie eine Stretchversion einer Bordeuauxflasche steht selbige am Tisch der Wahrheit. Entgegen der Farbgestaltung der beiden OTs nach dem CMYK-System, klebt auf dem quadratorosso, welch Wunder, ein knallrotes Etikett wie aus der RGB-Lade gezogen in Form eines Quadrates, was sonst? Und weil das q nach unten ‘ausschlägt’ ist der Schriftzug quadratorosso einfach schief ins Etikett gedruckt und fertig. Definitiv ein Stück Papier mit Pepp. Einfach und weniger ist eben immer mehr.

Am ebenso roten, nur wesentlich kleineren Rückenetikett steht wieder alles drauf was drauf stehen muss, in weiss, und auch da springen einem zwei Information ins geschulte Auge: Der Jahrgang und die eingangs bereits erwähnten 14,5% vol. Alkohol. Damit sich der ‘Zweitwein’ auch entsprechend auf seinen grossen Auftritt vorbereiten kann wird auch dieser über den ganzen Tag hinweg verkostet und kommt zum Sauerstoff aufnehmen erstmal für zwei Stunden in den grossen Glasballon.

Rote Frucht & Bäuerliche Würze

Bläulichrot dampft der quadratorosso so gut wie blickdicht aus dem Glas. Ganz fein hellt er zum Rand hin auf. Aus zwei sind am Ende drei Stunden in der Karaffe geworden und jetzt strömen einem dunkelwürzige Aromen die Nasenwand hoch. Eingelegt in überreifen roten Früchten wie Kirschen und Johannisbeeren. Mit im Team sind dunkle Schokoladentöne und Kakao von edelster Bitterkeit. Fast riecht dieser Saft ein wenig süsslich, als wäre Zimt dabei und ein Mitspieler in dieser Cuvée hebt ganz weit den Finger hoch; Petit Verdot. Diese unverkennbar erdige und bäuerliche Würze ist einfach unverkennbar weil sie sogar schon violett riecht.

Ein Rüpel der so richtig Krach macht

Eines gleich vorweg: Der Tropfen ist ein Rüpel, ein Bauer, ein Wrestler der sich nicht im Geringsten darum schert ob man damit klarkommt oder nicht. Gerbstoffbeladen wie ein australischer Minenmuldenkipper hämmert er sofort auf die Zunge ein und präsentiert sich als Koloss mit – ganz überraschend – Charme. Ich meine man muss sowas mögen, wenn einem ein Kilo Schokolade, eingelegt in roter Frucht (nicht umgekehrt) auf die Zunge kommt und einem auch den Gaumen damit einölt. Man hat etwas im Mund das bockt und um sich schlägt und sich aufführt als wäre es von der Tarantel gebissen. Kaum hat man die dicke, fette, saftige Frucht und die halbe Tonne Schokolade verarbeitet, trommelt die dunkelbraunerdige Würze laut aufs Becken und lässt einen Pfeffer, Lakritze und Zimt schmecken. Der quadratorosso ist, soviel steht jetzt schon fest, kein Wein für Warmduscher. Das ist Wein für Kerle die wissen wie man einen Krawallbruder behandelt.

Schokolade, Zimt und jede Menge brauner Würze

Nach und nach wird der quadratorosso saftiger, auch rauchiger und würziger und noch schokoladiger. Es ist als würde einem der Kakaolaster über den Gaumen fahren und dabei eimerweise die köstlichen Bohnen verlieren. Es wird verständlich warum der quadratorosso ‘nur’ der Zweitwein ist, fühlt er sich im Mund zwar geschmacklich schon sehr ähnlich dem OT an, vom Gefühl her ist er aber eine echte Wildsau. Auch wenn die Gerbstoffe mehr als rustikal sind, sie sind doch rund und sorgen für ein Gefühl im Mund das so kraftvoll ist, dass man sehr vorsichtig wird mit diesem Wein. Der Pfeffer der Syrah ist omnipräsent, Cabernet Franc bringt ein wenig Fruchtigkeit in den Tropfen rein und Petit Verdot hat eindeutig das Kommando mit seiner erdigen Würze. Fast schmeckt es violett und erinnert mich ein wenig an den reinsortigen entre nous den ich erst vor Kurzem wieder getrunken habe. Nur dass der quadratorosso erheblich schokoladiger ist.

Wer sich über ein zweites Glas wagt dem wird immer mehr bewusst wie rauchig dieser Wein ist, wie dichtmaschig er auf der Zunge steht und wie intensiv er am Gaumen klebt, ohne dabei fett zu wirken. Der quadratorosso ist definitiv ein Brummer der sogar den OT noch in den Schatten stellt. Überraschend ist, dass er bei all der Drehzahl nicht heiss wird, dass er frisch bleibt im Mund und nicht ins Marmeladige abdriftet. Er hat soviel Charakter, dass er sich damit fast selbst im Weg steht, was aufgrund seiner Jugend aber auch nicht wirklich verwundert. Man kann sich aber schon sehr gut vorstellen, wie dieses ‘Monster’ in ein paar Jahren mit seinen Qualitäten angeben wird. So wie sich der Wein anfühlt kann man ihn mit besten Gewissen als bäuerlich bezeichnen. Der quadratorosso ist ein Wein der förmlich nach deftiger Hausmannskost brüllt, der ganz laut nach Salami und dem Rest der Wurstwelt schreit, nach Bauernbrot und einem Tisch, der unter der Last von Cholesteringeschwängerten Nahrungsmitteln zusammen zu brechen droht. Der quadratorosso ist ein Wein den man zu Carl Orffs Carmina Burana trinkt und sich – auch (oder gerade) wenn es draussen Backofentemperaturen hat – diesem opulenten und vor Wollust strotzendem Charakterdarsteller am besten widerstandlos hingibt.

Tipp: Drei und mehr Stunden in der Karaffe lassen ihn ein wenig ‘zivilisiert’ werden. Das Geheimnis für den perfekten Genuss aber liegt in der richtigen, den momentanen Temperaturen angepassten Trinktemperatur. Aktuell, bei 35º+ sind 14 bis maximal 16º ideal. 18º dann im Winter, aber keinesfalls vorher! Schreit nach deftiger, rustikaler Kost, kalt und warm und ist zu kräftigen Wurstsorten einfach der Hammer. Als Solist nur für Wagemutige zu empfehlen, hat aber grossen Charme, so man gewillt ist diesen zu entdecken und sich auf dieses Abenteuer einzulassen.

OT Logo Verkostet wurde ein Quadrato Rosso 2011 von Oliviero Toscani aus Casale Marittimo, Italien. Der Wein wurde uns via Andrea Seidler von ViP-Weine aus Köln zur Verfügung gestellt. Wer mehr über Oliviero Toscani und seine ‘Geschichte’ erfahren will, kann sich dazu einen spannenden Bericht downloaden.

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Kategorie: Oliviero Toscani (I), Verkostet

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