Touraine rouge ‘Les Demoiselles’ 2008

| 24. Januar 2012 | 0 Kommentare Alles lesen

Für die zweite Runde unseres Loire-Experiments haben wir zum Motto ‘Versteckte Schätze in Rot‘ drei aussergewöhnliche Rotweine von der Loire ‘ausgegraben’. Auf diesen hier, den ersten aus der Schatzkiste, habe ich mich persönlich schon sehr gefreut. Hatte ich nämlich bereits im Sommer des letzten Jahres das erfreuliche Vergnügen den aussergwöhnlichen Touraine Rosé ‘Pineau d´Aunis’ von Dominique Barbous ‘Domaine des Corbillières’ aus Oisly im Départment Loir-et-Cher verkosten zu dürfen. Jetzt, nach sieben Monaten im Weinregal, war endlich sein ‘Roter’ an der Reihe. Geduldig warten kann auch schön sein und vor allem spannend. Es hat fast etwas Magisches an sich.

Auch dieses Etikett ist im selben Stil wie schon jenes des Rosés gehalten. Ein Albtraum für jeden der nur einen Hauch von Designverständnis hat und wenigstens ein wenig Ansprechendes auf einem Etikett erwartet. Hier wird jeder optische Aufputz kompromisslos ignoriert, was auch dieses Etikett wieder zu einem ganz aussergewöhnlichen macht. Es ist so banal, dass es es schon wieder schön ist. Es ist Frankreich. Wie man es nur ausserhalb der grossen Städte findet.

Was bei uns so gut wie unmöglich scheint, ist hier die Krönung am Etikett. ‘Roter Loire-Wein’ steht ganz oben drauf. Das muss doch reichen, oder etwa nicht?

Heute steht also Dominique Barbous ungewöhnliche Rotwein-Cuvée am Tisch der Wahrheit. Eine Cuvée aus 30% Malbec, 30% Cabernet Franc und 40% Pinot Noir. Unglaublich, merkwürdig und auf den ersten Eindruck nicht zusammen passend.

Tiefgründig, schroff und extrovertiert

Nach einer halben Stunde in der Karaffe findet der Touraine endlich seinen Weg ins Glas. Dort zeigt er sich dunkel, dicht und mit leicht bläulich-violetten Rändern. Es riecht sehr kühl im Glas und irgendwie ‘steinig’. Eine rauchige Note steigt auf und verströmt eine saftige Würze in der Nase. Dieses Bukett hat etwas, nämlich etwas Ungewöhnliches. In der Nase haben eindeutig die Aromen des Malbec das Kommando. Der würzige Duft des Canernet Franc und die spröde Frucht des Pinot Noir ergänzen es mit einer aussergewöhnlich rustikalen Mineralität. Ein Traum für Freunde von tiefgründigen Aromen. Dass dieser urfranzösische Rotwein von Feuersteinböden stammt verwundert also nicht wirklich in der Nase.

Ein Urfranzose

Und dann, den ersten Schluck genommen… erstmal Ratlosigkeit. Überraschung, vielmehr Überrumpelung. Es ist nicht das was man erwartet hat, es ist so… anders. Keine Wucht die auf einmal den Weg auf die Zunge findet und keine Frucht die einen erschlägt. Der Touraine zischt mit einer mineralischen Kühle auf die Zunge, dass man kurz ‘nachschmecken’ muss ob man wirklich das geschmeckt hat was man geschmeckt hat. Er stolziert so leichtfüssig über die Lippen, dass man geneigt ist einen etwas grösseren Schluck zu nehmen. Er rieselt förmlich auf der Zunge, wie wenn mikroskopisch feinter Sand über den Gaumen fegen würde. Was die Gerbstoffe hier zeigen ist ein wahres Erlebnis. Ein positives, wohlgemerkt.

Trocken wie die Sahara, fein wie Seide und herrlich rauchig präsentiert sich hier ein Wein, der erfrischend anders ist und das uneingeschränkte Zeug zum Alltagswein hat. So man gewillt ist, sich ein wenig vom Massengeschmack zu entfernen und seinen Weinhorizont zu erweitern. Dieser Rote ist so urfranzösisch wie es typischer nicht geht. Es ist ein Wein wie ihn der Franzose jeden Tag in seinem Glas hat, weil es das ist, was Wein für ihn bedeutet. Nach einer Stunde an der Luft hat sich das ‘schroffe Biest’ beruhigt und macht es einem leicht sich auf seine kontrollierte Wildheit einzustellen.

Schroffes Biest mit Charme

Das Schöne an dieser ungewöhnlichen Cuvée ist unter anderem die Leichtigkeit mit der sie sich im Mund breit macht. Man wird nicht von einer schweren Fülle, von aufgemotzem Körper und Volumen überfallen oder gar erdrückt. Vielmehr ist der Touraine ein echtes Leichtgewicht. Sowohl was seinen Alkoholgehalt von erfreulichen 12,5% betrifft wie auch seinen allgemeinen Auftritt auf der Zunge und am Gaumen. Er ist schroff, er ist ungehobelt und er ist wild, aber alles in einem Mass, welches gesittet und höchst erwünscht ist. Der Touraine hat mehr Profil und Charakter als so mancher sauteure Tropfen aus irgendeinem Edelregal.

Und das ist der nächste Punkt, der diesen ‘Urfranzosen’ so sympathisch macht. Er kostet nämlich gerade mal unglaubliche und für diese Qualität lächerliche 6,90 Euro. Für mich ein Aufruf mir diesen Wein einzulagern, zumal er bis über 2015 hinaus optimal zu trinken ist. Ich freue mich jetzt schon jedes Jahr aufs Neue zu erleben, wie sich dieser Tropfen wohl verändern und entwickeln wird.

Tipp: Dieser Wein macht so zimelich alles mit. Ob rustikale Brotzeit oder Ratatouille, ob deftiger Braten oder Käse. Der Touraine ist ein perfekter Wein für jeden Tag zu jeder Zeit.

Wein & und Winzer-Info:


Wein: Touraine rouge ‘Les Desmoiselles’ 2008
Winzer: Dominique Barbou – Domaine des Corbillières
Trinkbar ab: sofort
Optimale Reife: – 2015+
Anbau: Naturnah
Ausbau: Edelstahltank
Dekantieren: Ja

Der Wein wurde uns von der K&U Weinhalle aus Nürnberg zur Verfügung gestellt.

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Kategorie: K&U Weinhalle (D), Verkostet

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