Mythos Bordeaux

| 18. Juli 2011 | 2 Kommentare Alles lesen

Mit diesem Artikel startet weinquellen.at eine vierteilige Serie von Huub Dykhuizen, welcher heute als Gastautor mit dem Thema

Mythos Bordeaux – Gegenwart und Zukunft einer abgehobenen Marktstrategie

den Auftakt macht und versucht, Antworten auf folgende drei Fragen zu finden:

• Wo geht die Reise hin?
• Ist Asien wirklich der Markt der Zukunft?
• Wann kommt der endgültige Zusammenbruch?

Als Leo mir dieses Thema vorstellte und mich bat, Antworten auf die drei Fragen zu finden, kamen in mir Zweifel, ob ich diese Fragen möglichst knapp und zugleich vergnüglich und fundiert beantworten kann. Bordeaux ist bekanntlich das Universum der Weinwelt: reich an Geschichte und schier unendlicher Themenvielfalt.

Etikett der Zukunft?

Bis vor wenigen Jahren galten die USA als der bestimmende Markt für die preisliche Entwicklung von Bordeaux-Weinen. Und es ging ein Aufschrei durch Europa – die Weine seien für viele Weinliebhaber nicht mehr erschwinglich! So mancher europäische Händler strich die großen Namen kurzerhand aus dem Programm. Die Margen wurden stetig kleiner und die Zahl der zahlungswilligen Käufer ebenfalls. Bordeaux schien zu einem amerikanischen Getränk zu werden.

Anfang 2010 platzte jedoch die amerikanische „Wein-Blase“. Den Bordeaux-Winzern und –händlern brach unter anderem der wichtigste US-Importeur Château & Estate Wines (DC & E), Tochtergesellschaft des britischen Getränkeriesen Diageo weg. Die amerikanischen Konsumenten suchen in schwierigen wirtschaftlichen Zeiten nicht mehr nach Prestige-Weinen. Vielmehr kaufen sie patriotisch Weine aus eigenen Landen. Die Preise für Bordeaux-Weine sind jahrelang in zu astronomische Höhen gestiegen (mit einer kurzen Tendenz für fallende Preise beim Jahrgang 2008) und sind in Zeiten knapper Kassen schwer oder nicht mehr zu verkaufen. DC & E begann mit dem aggressiven Abverkauf der Lagerbestände, um kein totes Kapital in den eigenen Lagern zu horten – Preisnachlässe bis zu 60% waren die Folge. Trotz dieser Nachlässe ist so mancher Grand Cru immer noch ein teurer Tropfen, der für viele Weinliebhaber unerschwinglich bleibt. Interessanterweise gingen viele Châteaux dazu über, die Weine von DC & E zurückzukaufen, so dass die Weine nach zwei Atlantiküberquerungen wieder in den eigenen Kellern landeten. Wohin mit den Weinen? Denn auch die Winzer können es sich nicht leisten, Weine lange in ihren Kellern zu lagern. Aber war das schon ein Vorzeichen eines endgültigen Zusammenbruchs?

Wo geht die Reise hin?

Der rettende Ausweg scheint Asien – speziell China zu sein. Die chinesische Wirtschaft boomt und wächst scheinbar unaufhaltsam. Parallel wachsen die Gehälter (auch wenn bekanntermaßen nur ein kleiner Prozentsatz dieses riesigen Volkes davon profitiert).
Dieses steigende Einkommen spiegelt sich im Kauf von Luxusmarken, die nach Jahrzehnten des eingeschränkten Warenangebots bei so manchem Chinesen verständlicherweise Begehrlichkeiten weckten. Sei es im Bereich der Mode, der Autos oder der Weine. So ist aus der Presse bekannt, dass chinesische Konsumenten irrational hohe Preise für Weine bezahlen – und bezahlen können. Insbesondere die Top-Weine aus dem Anbaugebiet Bordeaux scheinen ausnahmslos in chinesischen Kellern und Kehlen zu verschwinden. Die Preisspirale nach oben scheint nicht mehr zu stoppen sein. Bezeichnenderweise sind es nicht nur chinesische Weinagenturen oder Getränkehändler, die in diesen Markt investieren. Vielmehr sind es große Unternehmen wie der chinesische Schmuckhändler TESIRO, der Wein als Abrundung seines Luxus-Portfolios betrachtet.

Darüber hinaus ist es chinesischen Investoren nicht genug, die Weine zu importieren oder anteilig in französische Weingüter einzusteigen. Sie kaufen gleich ganze Anwesen und greifen somit noch aktiver in den Markt mit Bordeaux-Weinen ein. So befanden sich Anfang 2011 bereits fünf Bordeaux-Güter in chinesischer Hand.

Die Investoren verstehen ihr Engagement nicht nur als Kapitalanlage. Sie wollen die totale Kontrolle: vom Anbau der Reben über die Ernte und Vinifikation bis hin zum Marketing und Verkauf der Weine. So können Weine hergestellt werden, die dem chinesischen Geschmack entsprechen: sanft, ausgewogen und vor allem wenig Tannin, denn bittere Geschmacksnoten sind unerwünscht. So verwundert es nicht, dass die französischen Zwischenhändler (die auf eine lange Tradition zurück blicken) rigoros übergangen werden und der Wein nahezu ausnahmslos nach China transportiert wird. Wie lange wird sich dieser Trend wohl fortsetzen?

Ist Asien wirklich der Markt der Zukunft?

Bislang verband man Top-Weine mit der chinesischen Oberschicht, die mit den Weinen in erster Linie prahlen wollte und will. Wenn man der Einschätzung aller großen chinesischen Importeure Glauben schenken darf, wird sich der chinesische Weinmarkt hingegen schon mittelfristig (in den kommenden fünf Jahren) verändern. Nach dem Run auf die großen Namen und die Luxusweine entwickelt sich ein immer breiter werdendes Weinwissen und damit geändertes Kaufverhalten. In China entwickelt sich eine starke und vor allem wissbegierige Mittelschicht. Diese Menschen halten nicht nur nach berühmten Etiketten Ausschau, sondern nach anderen Weinländern und Weinstilen. Während bislang Bordeaux das Nonplusultra der chinesischen Weinwelt und –wahrnehmung war, entwickelt sich die Nachfrage nach Alternativen stetig. Der chinesische Weintrinker wird immer mehr zu einem kritischen und somit auch preisbewussten WeinFreund.

Nach einer im Januar 2011 veröffentlichten Studie des International Wine & Spirit Research (IWSR) stieg der Weinkonsum in China von 2005 bis 2009 um sagenhafte 100 Prozent, darin beinhaltet war der Import von 276 Millionen Flaschen Wein (2009). Die IWSR schätzt, dass der Import bis 2015 auf bis zu 720 Millionen Flaschen Wein steigen wird. Das entspricht einer Steigerung von rund 260 Prozent! In Anbetracht dieser Mengen wird schnell ersichtlich, dass dieses nicht nur Weine aus Bordeaux sein können. Fraglich bleibt jedoch, wie sich der Preis der zu importierenden Weine weiter entwickeln wird.

Wann kommt der endgültige Zusammenbruch?

Zeichnet sich in dieser Entwicklung der endgültige Zusammenbruch der Preisspirale ab? Ich denke nicht! Vielmehr wird die Reise weiter voran schreiten. Die Subskriptionspreise für 2010er Bordeaux (Vorab-Verkaufsverfahren für Weine, die erst 2012 in den Handel kommen) wurden bis Mitte Mai 2011 nur spärlich veröffentlicht. Alle warteten auf die Bewertungen von Robert Parker. Nachdem bekannt war, dass er den Jahrgang insgesamt mit Traumbewertungen versehen hat, war die weitere Entwicklung der Subskriptionspreise trotzdem eher uneinheitlich. Preisminderungen aber auch große Preissteigerungen halten sich in etwa die Waage. Einiger Weingüter erzählen (mehr oder weniger hinter vorgehaltener Hand), dass der chinesische Markt nicht alles sei. Noch scheint es so, dass chinesische Weintrinker bereit sind, höhere Preise zu bezahlen. Aber man weiß nicht, ob die chinesischen Kunden die Top-Bewertungen Parkers auch weiterhin teuer kaufen werden.

Ich maße mir nicht an zu prognostizieren, wohin die Reise gehen wird und wann wir den endgültigen Zusammenbruch dieser Preisspirale erwarten können. Es bleibt ein spannendes Thema und egal wie es sich entwickelt, so werden wir ganz sicher auch aus chinesischem Mund noch so manches Mal hören und lesen: 酒中有软木塞

Der Autor:

Huub Dykhuizen bezeichnet sich selbst als puren Weinamateur und nicht als Weinkenner oder Weinexperten. Seine vergnüglichen und fundierten Gedanken entstehen im wahrsten Sinne des Wortes Amateur: aus seiner Liebe zum Wein.

Mit mehr als zwanzig Jahren Erfahrung ist es ihm stets ein großes Anliegen das Thema Wein zu entmystifizieren und jedem die Freude am Wein mit einfachen Worten und ohne Pathos in seinen Weinbüchern und auf seinem Blog näher zu bringen.

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Kategorie: WeinLounge

Kommentare (2)

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  1. Weinchecker sagt:

    Der Artikel liest sich richtig gut und es ist mir klar, dass es nur ein Kratzen an der Oberfläche sein kann, bei diesem vielschichtigen Thema. Wie sieht dieser Huub aus? Das Bild kommt bei mir nicht an.

    Bin gespannt, wie die Serie weiter geht.

    • Leo sagt:

      Hallo “Weinchecker” :-)

      Freut mich, dass dir der Artikel gefällt und natürlich hast Du recht, dass es sich dabei nur um ein “kratzen” handeln kann.

      Das Bild sollte jetzt auch unter “Safari” funktionieren. Wir hier in allen Browsern ganz normal dargestellt.

      Liebe Grüsse
      Leo

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