Wein der Stille

| 20. Dezember 2012 | 0 Kommentare Alles lesen

Von der Wein & Sektmanufaktur Strohmeier haben wir heute im Zuge unserer Naturweinverkostung der Wertegemeinschaft Schmecke das Leben, den zweiten Wein am Tisch der Wahrheit stehen. Dabei handelt es sich um eine Cuvée aus Sauvignon Blanc, welche mit jeweils einem ‘Schuss’ Chardonnay und Muskateller angereichert wurde und auf den fast esoterisch klingenden Namen Wein der Stille hört. Entstanden aus vollreifem Lesegut des Erntejahres 2009, 2 1/2 Jahre im Fass gereift, unfiltriert und bio-zertifiert. Wie schon beim ersten verkosteten Tropfen, dem Orange 1 aus der Linie Trauben, Liebe, Zeit, lehnen wir uns auch mit diesem hier ganz weit zurück und werden den Wein der Stille in aller Stille – rechtzeitig, als letzten Wein vor dem bevorstehenden Weltuntergang – mit Andacht und Respekt über die nächsten zwei Tage hinweg erforschen.

wein der stille Wie schon der Orange 1 ist auch diese dunkelbraune Burgunderflasche mit einem Papierhäubchen geschmückt, welches mittels Paketschnur angebunden ist. Darauf erfährt der interessierte Weinfreund wieder einiges über die Philosophie von Franz Strohmeier in deutsch und auch in englisch. Eine ‘Botschaft’ an den Trinker in Form ein paar einfacher Sätze, die sehr viel Weisheit in sich tragen. Auch diese Flasche ziert ein rund gestanztes Etikett, in dunkelbraun mit nichts als Wein der Stille im Papyrus-Font darauf. Unten noch das Weingut, ein wenig zurück genommen in der Farbe um dem Namen den alleinigen Vortritt zu lassen.

Am Rückenetikett erfährt man wieder einiges über den Wein sowie seine enthaltenen Rebsorten. Was fehlt ist hier die Dekantier- und Glasempfehlung sowie die Angabe der empfohlenen Trinktemperatur. Da wir aber bereits ‘geschult’ sind und wissen was diesem Wein am besten tut, kommt er zum ‘Aufwärmen’ für zwei Stunden in die grosse Karaffe. Dann werden die Burgundergläser ausgepackt und gewartet.

Umwerfend frisch im Kelch

In hellem gelborange steht der Wein im Glas. Die Ränder zeigen sich kräftig orange, ein wenig bernsteinfarben. Die Innenwand wird mit einem dünnen Film benetzt. Was sofort auffällt ist, obwohl der Wein nur mit einem ‘Schuss’ Muskateller versetzt ist, dass dieser im Moment das Kommando hat und am stärksten ausgeprägt ist. Zwei Stunden an der Luft und ein Bukett das purer Genuss ist. Es duftet frisch, hat diese typische Muskatellerwürze, riecht nach Marillen und frischem Gras, betört mit einer elegantest definierten Holznote und strotzt vor Lebendigkeit. Mehrmaliges Schwenken lässt auch den Sauvignon Blanc besser hervor kommen und seine typischen Aromen freisetzen. Der Film an der Wand wird dicker und es scheint, als würde der Wein minütlich im Duft zulegen. Da kommt wieder was ganz Tolles auf uns zu und nach fünfzehn Minuten in denen nur geschnüffelt wurde, wird der Wein der Stille lautstark angetrunken.

Erdig-mineralisch, kraftvoll würzig & saftig-muskulös

Muskateller! Das ist die erste Empfindung die man hat wenn der Wein der Stille auf die Zunge kommt. Um schlagartig an Chardonnay zu denken weil plötzlich, ohne Vorwarnung, dieser nussige Film sich über den Gaumen legt und eine feine, sehr angenehme Phenolik erkennen lässt. Begeisterung kommt dank einer kräftigen, erdbetonten Mineralik auf, intensive Würze eingearbeitet in einen kraftvollen Körper lässt den Wein intensiv schmecken, sich intensiv anfühlen. Obwohl Suavignon Blanc die Leitsorte in diesem Wein ist dominieren eindeutig die beiden Nebendarsteller Muskateller und Chardonnay. Nuss und Würze verleihen dem Grasigen eine dermassen komplexe Textur, dass es eine reine Freude ist. Alles wird von einer Mineralität getragen von der man meinen möchte, dass man den Boden schmecken kann. Der Wein ist jetzt bereits ‘so gut’, dass es eine Folter wird das nächste Glas erst in sechs bis sieben Stunden trinken zu dürfen. Der Gaumen will mehr, fordert Nachschub nach feiner Bitterkeit, nach muskulöser Würze und der Saftigkeit die der Wein der Stille in sich trägt. Doch das gibt´s erst am Abend wieder. So der Wein dann noch der Selbe wie zu Mittag ist.

Selbes Glas, anderer Wein

Sechs weitere Stunden hat der Wein der Stille nun in der Karaffe ausgeharrt und zeigt sich jetzt im Duft buttriger, nussiger, mehr nach mit Orangenschalen gewürztem Teig riechend. Im Mund herrscht pure Mineralität, es fühlt sich an als könnte man die Erde schmecken, phenolisch am Gaumen, Gerbstoffe die wie ein leiser Luftzug über ihn wehen. Alles ist kraftvoll und doch nicht schwer, es fühlt sich druckvoll an am Gaumen und endet in einer harmonischen Leichtigkeit. Die Zunge freut sich über den vollen Saft und der Gaumen über das trockene Tuch. Man bekommt beides geboten, man spürt beides sehr intensiv und stellt fest, dass man einen völlig anderen Wein im Glas hat. Das frischfreche Wesen von zu Mittag ist erwachsen geworden und zeigt jetzt erst richtig wo die Reise hingeht. Durch die teigig warmen Nussaromen blitzt nur mehr leise eine Muskatellerwürze durch, von grasig ist so gut wie nichts mehr übrig und ganz zart spürt man am hinteren Gaumen eine äusserst feine Säureader stehen. Insgesamt ist der Wein der Stille wirklich ‘still’ geworden, ist rund und weich und fühlt sich cremig an. Und doch wirkt er feingewirkt wenn er in seiner ausgeprägten Herbheit den Gaumen streift und sich in einem ebenso herben Finale verabschiedet. Was bleibt ist saftige Mineralik an den Zungenrändern und ein Nachhall der nicht enden will. Man kann sich entscheiden ob man den Mund sofort wieder mit dem Wein voll haben, oder einfach nur noch lange seine Nachwirkungen spüren will. In ein paar Stunden wird nochmal gekostet und der Rest kommt morgen in den Becher.

Saft, Holz, Nuss, Kalk und vieles mehr

Nach insgesamt 24 Stunden Luftzufuhr hat es den Anschein als würde der Wein der Stille im Duft immer dichter werden. Holz und Nuss dominieren diesen in beeindruckender Harmonie und strahlen mächtig Kraft aus. Im Mund spürt man jetzt eine wunderbar saftige Würze, man schmeckt förmlich den Kalk heraus. Auf der Zunge liegt er weich und setzt am Gaumen eine kraftvolle und doch elegante herbe Note frei. Durch den Saft wird diese Herbheit gut gepuffert, fühlt sich darin eingebettet an und hinterlässt einen kalkigen Nachgeschmack. Der Wein der Stille wird immer vielschichtiger, komplexer, immer ausdrucksstärker und eigenständiger. Man kommt fast nicht damit nach diese erdigen Eindrücke zu verarbeiten. Sie sind augenblicklich voll präsent und genauso schnell werden sie wieder von der lebhaften Struktur aufgesogen, um sich mit der nach wie vor lebendigen Säure zu vereinen. Müsste man jetzt, nach 24 Stunden, eine Rebsorte angeben, dann wäre es am ehesten ein teigig nussiger Chardonnay, der sich jedoch im Mundgefühl nahezu ausschlieslich über seine erdig-kalkige Mineralik definiert. Frucht kennt dieser Wein nicht, es ist einzig und allein der Boden den er versucht zu präsentieren, was ihm auch exzellent gelingt. Die Zunge freut sich über vollen Saft, der Gaumen ist in einer herben Wolke eingehüllt und wäre der Wein der Stille rot, so würde das angesichts der Phenolik in keinster Weise überraschen. Und doch schmeckt es ‘gelb’, so irre sich das anhören mag.

Je mehr ich persönlich in diese Welt der ‘Naturweine’ eintauche, umso mehr werde ich zum Fan. Auch dieser Wein ist keiner den man einfach aufmacht und gegen den Durst trinkt. Das Geheimnis und die wahre Offenbarung liegt auch hier darin, den Wein über zwei und mehr Tage zu erforschen, seine Entwicklung zu verfolgen, ihn mit jeder Stunde neu zu entdecken und sich dabei selbst immer wieder ‘nachjustieren’ zu müssen. Auch dieser Wein beeindruckt mit seiner Fähigkeit sich zu wandeln, zu wachsen, verschiedene Gesichter zu zeigen und mit einer einzigen Flasche mehrere Weinerlebnisse zu ermöglichen. Ein Wein, der einen auf eine abenteuerliche Genussreise mitnimmt und einem unterschiedlichste Einsichten und Eindrücke gewährt.

Tipp: Unbedingt 2-3 Stunden in der grossen Karaffe atmen lassen. Nicht kälter als 13º servieren, wird mit zunehmender Luft und Temperatur immer komplexer. Geniessen Sie den Wein zumindest über 24 Stunden, wenn möglich noch länger wenn Sie echtes Abenteuer erleben wollen. Wein für Kenner und Könner und für solche, die bereit sind mit Konventionen zu brechen.

Verkostet wurde ein Wein der Stille von der Wein & Sektmanufaktur Strohmeier aus St. Stefan o. Stainz in der Steiermark, Österreich. Die Wein & Sektmanufaktur Strohmeier ist Mitglied der Wertegemeinschaft Schmecke das Leben.

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Kategorie: Schmecke das Leben (A), Verkostet

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